Tarcisi-Schriftzug

 

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Nachrufe


Sehnsucht nach Nähe


Der Kunstmaler Tarcisi Cadalbert ist im Alter von 59 Jahren in Zürich gestorben.

Von Urs Strässle

Auf einem der letzten Bilder, die Tarcisi im Frühjahr für den zwölfteiligen Bilderzyklus «Passiun» gemalt hat, ist der Abdruck seiner rechten Hand zu sehen. Zeichen für die grosse physische Anstrengung, die es den schwer erkrankten und stets auf dem Fussboden arbeitenden Künstler gekostet hat, das grossformatige Werk zu vollenden. Ein Zeichen auch von symbolischer Tragweite, weil es Künstler und Kunstwerk so nah rückt wie nur irgend möglich - jenseits jeder Bildaussage.

Der am 16. Dezember 1943 im bündnerischen Sevgein geborene Tarcisi hat in seiner Malerei immer nach grösstmöglicher Nähe gesucht zu seinem Denken, seinem Empfinden. Zu dem, was der Alltag, den er seit 1962 in Zürich verbrachte, ihm zutrug, was ihn um- und antrieb. «Bedrängende Nähe» hiess ein monumentales Endlosbild von 170 Meter Länge, das in über zehnjähriger Arbeit entstanden ist und im Sommer 2001 im Kunsthaus Olten zur Ausstellung gelangte. Es zeigt ein apokalyptisches Panorama sich überlagernder Bilder, einen tosenden Bildersturz in Acryl, Dispersion und Teer, einen beklemmenden Schattenwurf der unauflöslichen Verwirrung, welche die Welt in atemloser Bewegung hält. «Das fliessende Bild», notierte Tarcisi im Zusammenhang mit dieser Ausstellung, «ist mein Alphabet, mein Vokabular der Malerei. Das Bild wird zum Fluss des moralisch-ethisch relevanten Gedächtnisses.»

Fliessende Bilder, Dokumentation des Alltäglichen im Fragment: Daraus ergibt sich Tarcisis ausgeprägte Affinität zur Form des Tagebuchs, die im Projekt «Jeden Tag ein Bild gemalt. 366 Bilder in 366 Tagen» (1987) und zehn Jahre später in der mit Hans Diener realisierten hundertteiligen Bilderfolge «Tausend Leben am Albisriederplatz» Gestalt annahm. Alle diese Arbeiten dokumentieren bis in die Farbgebung hinein Tarcisis Willen nach grösstmöglicher Erdung. Ein Wille, der sich im 1997 entstandenen grossformatigen Zyklus «Surselva im Bild» auch als Sehnsucht artikuliert. In 21 Momentaufnahmen erscheint dort Tarcisis Heimat in überraschend warme, leuchtende Farben getaucht.
Eine besonders anrührende Wärme und Nähe zu seinen Wurzeln bezeugt Tarcisis letzte Arbeit: der im vergangenen Sommer in Vals ausgestellte «Passiun»-Zyklus, worin die grauweissen Farbtöne des Gebirges mit rötlich-braunen Farbflächen kontrastieren. Der Handabdruck auf dem erwähnten Gemälde ist im selben Grauton gehalten wie der am Bildrand sichtbare Menschenschatten, der förmlich im Bild zu verschwinden scheint. Den Horizont dominieren lichte Wolkenformationen. Nie sprach so viel Trost aus Tarcisis Arbeiten.

Der Künstler Tarcisi musste sich diese Wärme abringen. Dem Menschen, dem Arbeitskollegen war sie Naturell. Auf der «Tages-Anzeiger»-Redaktion, wo Tarcisi seit 1982 als Sekretär und Sachbearbeiter tätig war, durften dies viele erfahren. Dem Schreibenden bleibt ein wieder und wieder gesehenes Bild: Tarcisi, beim Einbruch der Dämmerung über seinem Tagebuch sitzend. Am vergangenen Sonntagmittag ist Tarcisi in Zürich gestorben; er wird in Sevgein beigesetzt

© Tages-Anzeiger; 12.11.2003; Seite 15

 

Abschied von einem engagierten Geist


Der Bündner Maler Tarcisi Cadalbert ist am Sonntag überraschend gestorben. Cadalbert wurde auch durch sein Engagement in der Greina-Frage bekannt.

so.- Cadalbert starb nach kurzer, aber schwerer Krankheit, wie aus einer Medienmitteilung hervorgeht. Trotz seiner Leiden hatte der knapp 60-Jährige im laufenden Jahre noch verschiedene Werke zum «Passiun»-Projekt im Lugnez beigesteuert. So stammte das Titelbild für das Programmheft und die Plakate für das Freilichtspiel von ihm. Dem Thema «Passiun» widmete Cadalbert auch einen Bilderzyklus, der am Rande des Sommer-Musiktheaters im Lugnez zu sehen war.

Einer breiten Öffentlichkeit wurde Cadalbert vor allem in den Achtzigerjahren zum Begriff. Mit künstlerischen Mitteln und politischer Kraft setzte er sich gegen das Stausee-Projekt auf der Greinaebene ein. Dabei malte er nicht nur eine Vielzahl von Bildern, deren Verkaufserlös teilweise den Standortgemeinden für das geplante Kraftwerk zufloss, sondern äusserte seinen Unmut auch in Form von Aktionskunst. So lud er 1986 zur Paravent-Verbrennung auf die Greina; im selben Jahr verhüllte er den Crap la crusch mit schwarzem Trauerflor.

Obwohl er in Zürich lebte, blieb der aus Sevgein stammende Cadalbert seiner Heimat stets verbunden. 1997 widmete er der Surselva beispielsweise eine ganze, aus 21 Einzelwerken bestehende Bilderserie. Im gleichen Jahr wurden seine Arbeiten in der Jahresausstellung in Chur gezeigt.

© Die Südostschweiz; 12.11.2003; Seite 20