Tarcisi-Schriftzug

 

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Text von Tarcisi, erschienen im Tages-Anzeiger, züri-tipp, 11.12.1987

 

PDF des Artikels aus züri-tipp

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

«Jeden Tag ein Bild malen» 1987

 

Die Idee
Jeden Tag ein Bild malen. 366 Tage. Jedes Bild soll auf der Rückseite als Verifikation einen Poststempel des betreffenden Tages tragen. 366 Bilder, auf Leinwand, jedes 40 x 40 cm. Schliesslich sollen sie alle mosaikartig zu einem Jahresbild zusammengefügt werden. Der Preis ist vom Entstehungsdatum abhängig. Das erste Bild wird einen Franken, das letzte 366 Franken kosten; massgebend ist der Poststempel.
Die günstigen Preise sind für mich ein Anliegen, jeder soll die Möglichkeit haben, ein Bild zu kaufen. Das Bild soll kein Fetisch, Heiligtum oder Villenschmuck für bestimmte Gesellschaftsschichten, sondern jedermann zugänglich sein. Die Preisbildung im offiziellen Kunstmarkt ist absurd und arrogant.

Der Alltag
Die Idee machte mir Angst. Viele Monate habe ich mit dem Beginn gezögert. Ich wollte keine Rekorde brechen, aber ich wollte zeigen, dass man trotz Alltagsschäbigkeit, trotz Unbill und Brotarbeit malen kann. Am 16. Dezember 1986, einem Dienstag, habe ich das erste Bild der Serie gemalt. Die Quartierpost verweigerte mir, trotz Erklärungsversuchen meinerseits, bereits den ersten Stempel. Aus «postalischen Gründen», «…und überhaupt, wenn das jeder, und so….» Erste kleine und kleinliche Alltagsschäbigkeit. Aber immerhin, die Bahnhofspost hat offensichtlich andere Bestimmungen, und die liebenswürdigen Frauen stempeln anstandslos. Ich werde die freundlichen Gesichter vermissen.

Die Motive
Wenige Bilder haben einen direkten Bezug zur Tagesaktualität, geben aber Gefühle und Gedanken des betreffenden Tages wieder und spiegeln Ereignisse, die mich zu jenem Zeitpunkt beschäftigten: frierende Ausländer am Bahnhof zur Weihnachtszeit, zitternde, trinkende und fixende Elende am Limmatplatz. Dazwischen Brotarbeit und Wärme zu Hause. Trakl-Gedichte und Texte von Ludwig Hohl und Kälte zu Hause. Gedanken und Notizen zu den einzelnen Motiven und begleitenden Geschehnissen stehen hinten auf der Leinwand und in meinen persönlichen Notizen.

Die Zweifel
Es dürfte leichter sein, 366 Bilder an einem einzigen Tag zu malen als auf 366 Tage verteilt. Täglich wird der Rhythmus gebrochen.
Im Libanon werden Flüchtlingslager ausgehungert, in der Schweiz diskutiert man über die Haarlänge der Soldaten, und ich male Bilder.

Randbemerkung
In Zürich wird Edvard Munch ausgestellt und missverstanden. Seine Angst wird verniedlicht und missbraucht. Möge er aus den Bildern steigen und die Schickeria das Fürchten lehren. Vor beinahe 50 Jahren schrieb Albin Zollinger an Ludwig Hohl: «Mach Dich (…) darauf gefasst; wenige werden Dich ganz so verstehen, wie Du Dich verstehst, es geht uns allen so.» (Tarcisi Cadalbert)